Christian Weber: Cover-Illustration

Christian Weber: Cover-Illustration

Testen Sie unsere 1766 Kurse

10 Tage kostenlos!

Jetzt testen Alle Abonnements anzeigen
In diesem Video begleiten Sie Dipl.-Des. Christian Weber beim Entstehungsprozess eines Magazin-Covers. Vom Auftragseingang über Ideenfindung und verschiedene Zwischenschritte bis zur farbigen Umsetzung der endgültigen Illustration gewinnen Sie so einen Einblick in die tägliche Arbeit eines Illustrators.
14:01
  Lesezeichen setzen

Transkript

Mein Name ist Christian Weber und meine Kompetenz ist es, kleine Striche geschickt auf einem Blatt Papier anzuordnen. Ich bin also Zeichner, Diplomdesigner und Illustrator. In diesem Video erhältst du einen kurzen Einblick in eine Auftragsarbeit. Du bekommst ein Übersicht über die kreative Phase, die Bildfindung, die Motiventwicklung, bis hin zur finalen Umsetzung einer Cover-Illustration. Jeder Illustrationsauftrag beginnt üblicherweise mit einer Anfrage per Email, oder am Telefon. Dabei werden dann erstmal die äußeren Rahmenbedingungen abgeklärt. Budget, Medium, Format, Deadline und natürlich am wichtigsten, das Thema, zu dem man ein Bild finden soll und was dann umgesetzt werden soll. Wenn sich der Auftraggeber und der Illustrator einig geworden sind, folgt üblicherweise ein genaueres Briefing. Ein Briefing ist ein Dokument, bei dem alle Daten nochmal schriftlich fixiert werden, damit der Illustrator ein sauberes Angebot schreiben kann. Bei dem Auftrag für das Cover für das Stadtmagazin "Sensor" war das wesentlich lockerer. Das Briefing hat sich vor allem auf das Leitthema der Zeitschrift konzentriert und dieses Leitthema war in meiner Ausgabe, das Thema Alter, beziehungsweise älter werden. Mehr als dieses Thema wollte mir die Redaktion also nicht verraten. Das ist so, weil das Magazin Sensor sich an eine kunst-, kultur- und designaffine Zielgruppe richtet. Den Künstlern und den Illustratoren soll also dadurch ein gewisser Spielraum und kreative Freiheit ermöglicht werden, worüber ich mich als Gestalter natürlich sehr freue, weil das gar nicht so oft passiert. Um ein Motiv zu finden das zum gestellten Thema Alter, beziehungsweise Älterwerden passt, ist es sinnvoll, erstmal einen visuellen Brainstorm zu erstellen. Alles was zum Thema passt, wird darauf festgehalten. In geschriebener oder noch besser, in gezeichneter Form. Wie toll diese Zeichnungen sind, ist aber übrigens überhaupt nicht wichtig. Diese Form des Zeichnens nennt man deswegen auch Scribbeln. Beim Scribbeln kommt es vor allem darauf an, dass man eine schnelle Übersicht über die wichtigsten Zeichen und Symbole zum Thema hat. Und das eben schon als Bild, man scribbelt also, damit man sehen kann, was man denkt. Ich versuche also erst mal, möglichst viele unterschiedliche Varianten und alternative Ansätze zum Thema zu finden. Dabei ist es hilfreich, sehr, sehr viele Fragen zu stellen. Fragen wie zum Beispiel, welche prominenten Personen verbindet man zur Zeit mit dem Thema Alter. Zum Beispiel der Johannes Heesters, der vor kurzem gestorben ist im stattlichen Alter, oder historische Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Methusalem aus dem alten Testament, vielleicht sogar Goethes Faust, der sich durch Zauberkräfte verjüngt hat. Kann man dieses Thema also durch ein Porträt lösen? Oder vielleicht doch nur einen Ausschnitt eines Körperteils, alte Hände, alte Füße oder eine charakteristische Geste? Das naheliegenste Motiv wäre natürlich ein alter Mensch, aber Illustration sollte halt mehr sein, als die bloße Wiederholung von dem, was der Text schon gesagt hat oder von dem was halt schon in der Headline formuliert steht. Darum geht es auch weiter mit der Motivsuche. Auch Figuren können etwas mit dem Thema Alter zu tun haben. Berufsgruppen oder Studiengänge, meinetwegen Altenpfleger, Flaschensammler, Angestellter in einer Hospiz, alles notieren! Alles scribbeln, überall könnte ein guter Ansatz versteckt sein. Weiter kann man darüber nachdenken, welche Pflanzen oder Tiere besonders alt werden und deswegen ein gutes Symbol sind. Zum Beispiel Schildkröten, stehen ja auch immer gern für Alter, weil die 200 Jahre alt werden können. In der Literatur gibt es deswegen halt auch die uralte Morla oder die Kassiopeia bei Momo, prominente Schildkröten, wenn man so will. Und es gibt zwar auch Fische, die über 150 Jahre alt werden können, der Stör zum Beispiel, der ist aber nicht so ein treffendes Zeichen dafür, weil das halt zu wenig Menschen wissen, deswegen disqualifiziert sich quasi der Stör. Weiter geht’s! In dieser Phase sollte man wirklich versuchen, bis zum Anschlag zu denken. Welche Auswirkungen kann Alter auch auf Architektur haben, oder auf Landschaft? Kann ich Alter auch vollkommen abstrakt zeigen? Vielleicht nur durch einen speziellen Farbcode oder durch eine Oberflächenstruktur, Schimmel zum Beispiel. Aber auch welcher Zeichenstil wird mit Alter verbunden? Ich gehe dann immer in meine eigene Biografie und erinnere mich zurück, an diese Kupferstiche, die ich in meiner Kindheit gesehen habe, diese alten Darstellungen von Mainz und denke, in so eine Richtung könnte es gehen. Noch persönlicher wird es bei den Fragen, an welchen Objekten merke ich selbst, dass ich langsam alt werde? Ein Spazierstock zum Beispiel, Rollator, die dritten Zähne, Hörgeräte, ein Toupet, Stützstrümpfe oder Mittel gegen, meinetwegen, Krampfader, vielleicht auch Pillen gegen Impotenz usw., alles notieren, alles scribbeln! All das sind nämlich tatsächlich noch keine Ideen. Das sind erstmal Assoziationen, Einfälle, die aber eine günstige Rahmenbedingung für die Ideen schaffen sollen. Nichtsdestotrotz ist es eine gute erste Annäherung an das Thema. Vor allen Dingen hat es mir eine besondere Problematik bei dieser Aufgabenstellung klar gemacht. Alter ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema. Alles was in Richtung Alter, Krankheit, Tod geht, wird üblicherweise nicht auf einem Zeitschriften-Cover gedruckt. Wir sehen hauptsächlich nur gesunde, erfolgreiche, junge oder schöne Menschen ohne Behinderung auf Magazintitelseiten. Viele Menschen haben, nicht unbedingt unberechtigt, auch Angst vor dem Alter. Deshalb kann dieses Thema auch sehr schnell, sehr negativ werden. Ist also eine sensible Sache, die ein gewisses illustratorisches Fingerspitzengefühl erfordert. Aber beim Brainstorm ist eben erstmal alles erlaubt. Die Auswahl und die Kombination der richtigen Zeichen ist dann später letztendlich das Entscheidende. Erst wenn ich alles gescribbelt habe, was mir eingefallen ist, gucke ich ins Internet. Niemals zur kreativen Phase! Bei der Internetrecherche stelle ich dann oft fest, dass viel Einfälle bereits sehr häufig, sehr ähnlich umgesetzt worden sind. Deshalb kann man hier damit beginnen, verschiedene Einfälle, miteinander zu kombinieren. Je ungewöhnlicher, desto besser, da ist also spinnen ausdrücklich erlaubt! Zum Beispiel, was weiß ich, Schildkrötenrollatoren, oder Faust wie er lachend und johlend, seine Stützstrümpfe dem Mefistofele ins Gesicht schleudert, und so. Also, es darf auch erstmal ruhig absurd sein, denn diese Brückenideen führen bestenfalls schon mal zu innovativeren Verknüpfungen. Das ist es zwar noch nicht, aber diese vielen Fragen beim Brainstormen und diese Rumspinnerei, sind vor allem dazu gut, dass das Gehirn jetzt ein bisschen angespitzt ist, quasi schon mal im Kreativitätsmodus. Die Rahmenbedingung zum verknüpften Denken ist das, was dabei wichtig ist. Zu diesem Modus kann es also auch gehören, dass man sich von seinen ersten, vielleicht auch liebgewonnenen Einfällen verabschiedet, was zuweilen schmerzhaft ist, frustrierend sein kann, "Kill your darling" sagt man deswegen auch dazu. Ein gute Strategie ist, dann erst mal eine Pause zu machen und überhaupt nichts mehr zum Thema zu machen. Ich mache dann immer ganz gerne einen Spaziergang, getreu dem Nietzsche-Motto "Trau keiner Idee, die im Sitzen kommt", den Hintern aus dem Atelier bewegen, das hilft bei ganz vielen Kreativen. Beim Spazierengehen im Park habe ich dann Leute beobachtet, ein paar entspannte Skizzen gemacht und an überhaupt nichts mehr gedacht. Meistens kommen nämlich grade dann eigentlich die besten Verknüpfungen. Mein Lieblingspark ist in der Nähe von einem Altenheim, darum laufen auch immer wieder ältere Leute an mir vorbei. Dabei fällt mir auf, dass viele von denen, die Kleidung tragen, die in ihrer Jugend schick war, vielleicht auch damals noch modern, und beim Zeichnen habe ich mich dann gefragt, wie wohl die jetzige Generation aussieht, wenn die mal alt sind. So ein ganzes Altenheim voll mit Nerd-Brillen, Dutts, alte Leute mit Tunnel im Ohr, so hinter dem Hörgerät und vor dem Hörgerät eben und so einen Turnbeutel, irgendwie eine ganz amüsante Vorstellung und frage mich natürlich auch, wie wird meine Umgebung, meine Stadt aussehen. Und aus dieser Frage ist ja sogar schon ein ganzes Filmgenre erwachsen, Science-Fiction eben, das interessiert mich natürlich. Das sehr schnell zu verstehende Motiv könnte also mit einem eher untypischen und ungewöhnlichen Science-Fiction-Element kombiniert werden. Das ist einfach, das ist treffend und in dem Kontext von einem Cover, ziemlich ungewöhnlich. Und diese Balance gilt es ja in der Illustration immer zu finden. Das ist jetzt nicht die crazy kreativste Idee meiner Bildfindungsphase, also da waren ungewöhnlichere dabei, aber es ist eben eine Frage, die mich auch visuell interessiert. Und der Betrachter, noch wichtiger, hat eben eine Chance, das schnell zu decodieren. Wieder im Atelier, fang ich dann an größere Skizzen zu machen. Also aus den kleinen Scribbles werden dann quasi Vorstudien, oder auf designerisch gesagt, Layouts. Ich weiß jetzt schon mal, in welche Richtung das in etwa gehen könnte. Auch hier wird nicht stark ausgearbeitet, sondern noch geforscht. Hier habe ich zum Beispiel mal einen Punker ausprobiert, hier mal ein Pärchen. Dieses Pärchen, das mochte ich eigentlich sehr gerne, aber das wollte dann der "Sensor" nicht, weil ein Pärchen vor ein bis zwei Ausgaben schon mal auf dem Cover gewesen ist und deswegen hatte man da Verwechslungsgefahr. Am Ende entscheide ich mich dann für ein Zitat. Albrecht Dürer hat mal eine sehr eindrucksvolle Studie eines alten Mannes gezeichnet, damals für sein letztes Bild die vier Apostel. Und dieser Apostelkopf, eben der Paulus, ist relativ bekannt, und ich entscheide mich, dies als Grundlage zu benutzen, aber den eben zu verändern, sprich, den komplett zu verhippstern. Für die Zeichnung des Körpers stehe ich mir dann selbst Modell. Wenn man sich seinen Wecker morgens auch fünf Uhr stellt, dann kann man sich noch einfacher in das Thema Alter reinfühlen. Die Zeichnung der Konturlinie wird digital auf dem Grafiktableau gemacht. Das geht relativ flüssig und das kann man auch noch recht gut korrigieren, das ist bei der Illustration nicht ganz unwichtig. Diese Zeichnung der Konturlinie wird ausgedruckt und auf diesem Ausdruck werde ich dann die nächsten fünf Stunden, tausende von kleinen Strichen anbringen. Da ich mit Tusche arbeite, darf dabei halt echt nichts schiefgehen. Jeder Strich muss sitzen und Korrektur ist nämlich mit Tusche nicht mehr möglich. Die Tusche tue ich mir an, weil ich eben die Tonalität dieser alten Kupferstiche an-triggern möchte. Das heißt, ich habe jetzt keine Zeit einen Kupferstich anzufertigen, aber mit Tusche komme ich schon relativ nah, an die Anmutung, die ich mir eben vorgestellt habe, ran. Der Hintergrund hat vor allem die Funktion, das Zeichen Zukunft, sagen wir mal so 2056, schnell und einfach zu kommunizieren. Deswegen ist es auch so, dass hinter dem Mainzer Dom, den man schnell erkennt, gigantische futuristische Wolkenkratzer stehen. Darüber schweben dann Mainzer Vororte, sagen wir mal, in der Luft. Wie jeder Mainzer weiß, ist es um finanzierbaren Wohnraum in Mainz nicht so gut bestellt und dieses Problem wird mit Sicherheit in Zukunft noch ein bisschen drastischer werden. Ich habe darauf verzichtet, diese Mainzer Vororte zu benennen. Das überlasse ich der Wahrnehmung des Betrachters. Da ist er dann quasi eingeladen, dass er sagen kann, guck mal, das ist hier Mainz..... oder was er sehen will. Im Mittelgrund fliegen dann noch, Science-Fiction typisch, einige futuristische Autos durch die Gegend. Da habe ich mir zur Recherche, die Tesla-Modelle angesehen, die aktuellen und mich natürlich auch orientiert am Science-Fiction-Klassiker Blade Runner. Science-Fiction-Fans freuen sich üblicherweise, wenn Sie solche kleinen Zitate darin entdecken können. Kolorierung ist mehr als nur ein bisschen "bunt mache". Weil man hier durch Hell-Dunkel-Kontraste das Auge des Betrachters wieder auf ganz bestimmte Bildstellen leiten kann. In der Kombination mit der Farbe macht das natürlich auch einen kommunikativen Aspekt aus. Also wirkt dieses Bild eher konservativ, altbacken oder modern oder gar hip? Nach vielen vielen Farbvarianten entscheide ich mich dann für eine Einzige. Ein kräftiges Magenta mit Rosa-Abstufung. Mir gefällt diese Spannung zwischen, einerseits dem Alter, auf der anderen Seite diese Science-Fiction-Elemente und dann halt so, zusammen in so einem pornösen Farbton. Und es wirft natürlich auch so ein Stück weit die Frage auf, ist es jetzt wirklich ein ernst gemeintes Fenster in das Jahr 2056, wird’s so aussehen oder haben wir ja doch eine rosarote Brille auf. An dieser Stelle mache ich bewusst eine Leerstelle und traue meiner Intuition, auch dass dieses Rosa-Magenta, das es einfach die goldrichtige Farbe für diese Illustration ist. Ein Stück weit wird der Betrachter also eingeladen, sich seine eigene Meinung zu bilden, die Illustration bietet dafür also einen Anlass oder einen Rahmen. Viele dieser Gedanken wird der Betrachter natürlich nicht bewusst reflektieren, letztendlich geht es aber im Kommunikations-Design auch immer darum, den Bauch zu treffen, um in den Köpfen was zu bewegen und immer wieder die Balance zu schaffen, zwischen treffend, einfach und einzigartig. Genauso wie die Balance zwischen Kreativität und Kommunikation. Ist es zu kreativ, versteht’s keiner mehr, ist es zu gewöhnlich, guckt keiner mehr hin. Was hier auch vielleicht deutlich geworden ist, die Zeichnung macht letztendlich den geringsten Teil der Illustration aus. Die Recherche, die Denkarbeit. Das, was man später eigentlich gar nicht mehr so direkt sieht, das ist die eigentliche Arbeit und diese ganz vielen kleinen Einzelentscheidungen, das ist es letztendlich, was die Illustration ausmacht. Dies war ein kleiner Einblick in die Welt der Zeichnung und der Illustration. Wenn dir das Video gefallen hat, dann findest du noch weitere Videos auf meinem YouTube-Kanal oder auf www.gegenstrich.com.