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Scanimate – die Anfänge der Grafikanimation

Scanimate: abgefilmte Analogie

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Nick Campbell gefallen die typischen Animationseffekte der frühen TV-Serien und der Werbung. Er war überrascht, als er herausfand, welche analoge Technik dahinter steht. Im Interview erklären ihm Roy Weinstock und Dave Sieg, beide ehemalige Mitarbeiter des Scanimate-Teams, was sie an der Arbeit mit dem Gerät, das eher einem riesenhaften Elektronik-Baukasten gleicht, so fasziniert.
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Transkript

In After Effects lernte ich jede Schaltfläche kennen, lernte, alles zu bewegen und wirklich schöne Keyframes zu erstellen. Aber es fehlte immer das gewisse Etwas. Ich wusste nicht, was es war. (Musik) Wenn ich alte Grafikanimationen aus den 70er- und 80er-Jahren aus meiner Jugendzeit sah, wenn ich daran denke - und ich sehe sie heute noch online - diese Sachen haben etwas ganz Besonderes. Und ich probiere schon immer, das auch hinzubekommen. (Musik) Viele traditionelle Grafikanimationen verdanken wir diesem Gerät. Die Idee, ein Logo einfliegen zu lassen und damit für eine Marke zu werben, entstand auf dieser Maschine. Und schon seit Jahren versuchen Plug-ins, diese Effekte nachzubilden. Aber so fing alles an, das ist der Ursprung. (Musik) - Es begann 1960 auf einem Dachboden in Blue Bell, Pennsylvania mit einigen Glasröhren, farbigen Drähten, ein paar Kanthölzern und der Vorstellungskraft von Lee Harrison und seinen Mitarbeitern. - Er sah zu Hause fern und wollte zu Bett gehen. Also ging er zum Fernseher und schaltete ihn aus. Dabei fiel ihm auf, wie das Bild sehr schnell in sich zusammenfiel, bis auf einen einzigen Punkt, und er dachte: „Das sind nur die Ablenkfelder, die hier zusammenbrechen. Eigentlich könnte ich ja die Ansteuerung der Ablenkspulen manipulieren, um Animationen zu erzeugen und Dinge über den Bildschirm zu bewegen.“ (Musik) - Anfangs erzeugten sie nur interessante spirografische Muster. Dann stellten sie jemand Neues ein, er kam, glaube ich, von IBM und war ein Vertriebler. - „Wir überlegen, wie wir Geld mit dieser Sache verdienen könnten.“ Und er sagte: „Na ja, wenn ihr Wörter bewegen könntet, das wäre dann wohl schon sehr interessant.“ - Wir machten dann eine Weile lang Sendungsvorspanne, auch für den Super Bowl VIII. Schließlich machten wir die Effekte für die Fernsehserie Logan's Run. Dort wurden Läufer von Polizisten mit Lasergewehren gestoppt, sie glühten auf und brachen dann zusammen. Das ist super und die Produktionsfirma fand es toll, weil der Effekt nicht besonders teuer war. Dann lief es langsam aus dem Ruder. Ich kümmerte mich um die Technik, Produktion, Animation und um die Aufnahmebänder. Vieles davon überstieg mit Sicherheit auch meine Fähigkeiten. Ich musste also einen Techniker finden. Wir schalteten deshalb eine Anzeige. - Und ich sah diese Anzeige. - Dave meldete sich und ich glaube, es lief so: Wenn Sie diese Maschine reparieren können, können Sie bei uns anfangen. - Ich nahm eines der Handbücher und schaute einige Schaltpläne durch und sagte: „Wirkt nicht besonders kompliziert – das kann ich wohl am Laufen halten.“ Ich weiß zwar nicht unbedingt, was das Gerät macht oder wann es richtig funktioniert. Aber die Kerle hier wussten das und sagten mir: „Es sollte dies und jenes machen, und momentan funktioniert es nicht richtig.“ „Ich kümmere mich drum.“ (Musik) - Ich war bei einer Diskussionsrunde zur Geschichte der Computeranimation und sie gingen dort die ganze Geschichte von den 1960ern über die 70er und 80er durch, alle Computeranimationen, die ich so kannte. Dann stand hinten jemand auf und sagte: „Sie haben etwas vergessen.“ „Sie haben Scanimate vergessen.“ Ich lehnte mich gespannt nach vorne und als er den Demofilm abspielte, da wusste ich: Genau danach hatte ich die ganzen Jahre lang gesucht. (Musik) Diese Art von Animation auf Film zu bekommen, war extrem teuer und zeitaufwendig. An Echtzeit-Computeranimationen war in den 70ern und frühen 80ern nicht einmal zu denken. Erst jetzt kommen wir allmählich an den Punkt, wo wir 3D-Animationen in Echtzeit umsetzen können. Aber ihr konntet das die ganze Zeit schon. Deshalb wollte ich es mit eigenen Augen sehen. Genau danach habe ich die ganze Zeit gesucht. (Musik) - Scanimate kann das Raster in einzelne Segmente unterteilen. - Der Kunde gibt euch also das Material, verschiedene Wörter zum Beispiel, und ihr könnt dann jedes Wort einzeln für sich animieren. - Ja, genau. Die Monochrom-Kamera filmt das Raster, ihr Bild wird dann in einem Colorizer eingefärbt, freigestellt und dann in der TV-Produktion weiterverarbeitet. Ich glaube, zu Beginn nahmen sie auf Film auf. Mit dem Schritt zur Videoaufnahme erkannten sie wohl auch, was für ein mächtiges Werkzeug sie da hatten. - Die ganzen Überstrahlungseffekte sind ja typische Artefakte der Kathodenstrahlröhre. Genau dadurch bekommt das Gerät seinen ganz eigenen Look. Als ich zum ersten Mal von Scanimate hörte und sah, dass es ein analoges Gerät war, das von einer echten Kamera abgefilmt wurde, ging mir ein echtes Licht auf. Die Überstrahlungen und Lichtartefakte waren nicht digital, sie wurden nicht berechnet. Das waren echte Lichteffekte, so wie sie auf der Röhre dargestellt und wieder von der Kamera gefilmt wurden. Und diese Kombination ergibt etwas Echtes. Die Animationen haben etwas Lebensechtes, was selbst aktuellen Grafikanimationen fehlt. (Musik) - Die Alternative waren gezeichnete Cel-Animationen, deren Produktion mehrere Wochen dauerte. Wenn sie einem nicht gefielen, musste man von vorne beginnen und das dauerte weitere zweieinhalb Wochen. Mit Scanimate konnte man sehen, wohin die Reise ging. Man konnte sagen: etwas schneller oder etwas langsamer. Und wenn es einem gefiel, dann zeichnete man es auf und war fertig. (Musik) Um Bewegungen zu erzeugen, änderten wir die Spannung der Ablenkschaltkreise. Wenn ich den horizontalen Versatz ändere, also hier am Positionsregler, dann verschiebe ich das Wort nach links oder rechts. Hiermit geht es hoch und runter. Wenn man die Verstärkung für beide Richtungen ändert, bewirkt das einen Tiefeneffekt. - Also eine Skalierung. - Jedes Element ist für sich genommen sehr einfach. Das Geheimnis liegt in der richtigen Kombination und den richtigen Reglereinstellungen für bestimmte Effekte. Okay, es bewegt sich von A nach B. Kann man es dann vielleicht bei der Landung etwas verlangsamen? Objekte haben ja in der Realität auch eine Masse und bewegen sich auch nicht einfach so zack-zack. Also sagten die Techniker, „Klar, nehmen wir lieber eine Sinus- statt einer Dreieckskurve, was immer wir eben brauchen.“ Die ganzen Kleinigkeiten sind mit der Zeit gewachsen und jetzt denken wir eben: „Natürlich. Es funktioniert eben, das geht automatisch.“ - Ease-in und Ease-out sind heute Standard. Inzwischen ist das alles Standard geworden. Wir mussten diese ganzen Alternativen zuerst entwickeln und jetzt sind sie überall. (Musik) - Als ich die Sachen zuerst sah, verstand ich nicht, wie das ging. Waren da zehn Leute, die alle gleichzeitig an den Knöpfen drehten? Und dann, und dann -- - Am Anfang. So ging es los. - Ich dachte mir: „Wie machen sie diese Animationen? Wenn alles analog und in Echtzeit abläuft und es keine richtige Möglichkeit gibt, die Regler zu bedienen?“ - An dieser Stelle war es ganz wichtig, dass die Bediener sagten: „Das musste ich so und so machen.“ Die ganze Maschine steht am Ende einer Entwicklung herausragender Techniker und äußerst kreativer Bediener, die gut miteinander kommunizieren konnten. Wenn man seine Schritte nicht kommunizieren konnte, dann erreichte man tatsächlich überhaupt nichts. Sie nennen es Ausgangsposition und Endposition. Am Schluss kommen wir also zur Endposition. In der Ausgangsposition sind alle Parameter neben der Spur. Man kann beliebige Schaltungen bauen und je nachdem, welche Spannungsmuster man zusammenstrickt, bewegt sich schließlich irgendwas auf dem Bildschirm. (Musik) Wenn Sie morgen noch mal herkämen und zu mir sagten: „Das hier brauche ich“, dann könnte ich Ihnen nicht mehr helfen. Denn ich habe keine Ahnung, welche Frequenzen das sind. - Es ist eben einzigartig. - Es ist ziemlich kompliziert, wissen Sie. Es gibt keinen Rückgängig-Button. Wenn ich die Kabelbrücken rausziehe und der Kunde dann sagt: „Das war ja gar nicht so schlecht, lassen Sie uns das einfach nehmen...“ - Man bekommt ein tolles Ergebnis und auch der Kunde ist begeistert und läuft damit raus. Am nächsten Morgen kommt er wieder und meint: „Ich habe es meinem Chef gezeigt. Wir brauchen nur noch eine winzige Änderung.“ Da können Sie nur von vorne anfangen und bekommen etwas ganz anderes. Es wird sicher nicht mehr wie die letzte Version werden. (Musik) - Die Designer und das ganze Team um Scanimate bauten die ersten Plug-ins. Sehen Sie sich die ganzen Kabel und all das hier an. Bestimmt haben Sie die ersten Plug-ins überhaupt gebaut. - Die werden noch richtig reingesteckt. - Ja, genau. Sie haben die Formeln entwickelt, aus denen dann Plug-ins wurden. Und daraus entstanden wieder neue Formeln und so entstanden Dinge, die Animationskünstler seit Jahren nachzubilden versuchen. Zum Beispiel auch bei den Starfield-Geschichten wurde mir langsam klar, dass das alles analoge Effekte sind. Also Sternenfilter und so. Das ist ein echter Klassiker. Als ich in den frühen 80ern Comics und die ganzen Werbungen schaute, so sah das aus. (Musik) - Nur das Ergebnis zählte. Der Weg dorthin spielte keine Rolle. Wir liefen alle mit einem kleinen Schraubendreher herum. Und wenn man die Hintergrundfarbe ändern wollte, die sich eigentlich gar nicht ändern ließ, dann änderte man halt ihre Phasenlage, so dass der Farbton zu schwingen begann. Man verstellte also das Gerät absichtlich, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Die Techniker brachte das auf die Palme. „Was macht ihr da für einen Mist, das geht doch nicht! Das ist ein empfindliches elektronisches Gerät.“ Hmm, nein, ist es nicht. - Hier kam ich dann ins Spiel. Mein Job war es, das Gerät am Laufen zu halten. Okay, ist das Gerät defekt? Oder ist es einfach nur komisch verkabelt? Oder wurde es verstellt, um einen bestimmten Effekt zu erzielen? - Das Tolle war, dass es die richtige Einstellung hatte, also: „Okay, ich stelle das Gerät richtig ein.“ „Alles ist perfekt, aber wenn du es für einen Effekt wieder verstellen musst--“ - Dann mach' halt, hau' rein! Wir werden es schon wieder hinkriegen. - Okay, ich habe eine Idee. Ich sitze hier am Scanimate. Glauben Sie, dass Sie mein Logo im Scanimate-Stil animieren können, so dass ich eine authentische Scanimate-Animation kriege? - Gut, dann ziehe ich erst mal die alten Kabelbrücken raus. - Okay. - Wir gehen wieder in den VGA-Modus, damit wir Ihre Grafik da reinbekommen. Ich habe von Ihnen die Grafik bekommen. - Ja. - Egal, was das für ein Format war. Können Sie die für mich noch mal um 90° drehen? - Und sie mir dann noch mal gedreht zeigen? - Ja, ich denke schon. Bleiben Sie im 4:3-Seitenverhältnis und drehen Sie sie. Etwa so? - Ja, aber drehen Sie jetzt um 180°. - Ja, so. - Ist es so richtig? - Perfekt. - Und wir wollen nur das Wort, stimmt's? - Ja. Erst mal ist es noch auf beiden Seiten abgeschnitten. Oh, du meine Güte, das - Warum bin ich nur so begeistert von einem Umriss? Das sieht wahnsinnig aus. Und wie es glüht, echt schön — Schau dir das an. Ein bisschen schräg, nicht ganz perfekt. Das ist echt toll. (Musik) In der Analogtechnik passieren diese Sachen ganz von alleine und in der Digitaltechnik gingen sie dann verloren. Die Digitalisierung machte vieles glatter und reproduzierbarer, man konnte die Sachen abspeichern und die Auflösung stieg an. Klar brachte die Digitaltechnik all diese Vorteile mit sich, aber die natürlichen Unzulänglichkeiten des analogen Equipments haben wir bei der Digitalisierung verloren. (Musik) - Die Animationen waren etwas ziemlich Persönliches und Kreatives. Anfangs wusste ich vielleicht gar nicht, was los war. Aber vieles ist deutlich einfacher geworden. Je einfacher es aber wird, desto weiter entfernt man sich vom wahren Geschehen. Ich glaube, einer der Schlüssel meines Erfolgs ist, dass ich immer versucht habe herauszufinden, was hier wirklich passiert. Wir verstehen immer noch nicht ganz, warum die Animationen so gut sind; aber wir sehen es und wir fühlen es. Manchmal frage ich mich, warum ich dieses Ding unbedingt am Leben halten wollte. Aber alleine, dass es heute noch hier ist und funktioniert, dass alle Regler immer noch funktionieren ... Man kann damit arbeiten und es funktioniert immer noch, so wie immer. Das macht für mich den Zauber aus und wir probieren, das so lange wie möglich am Leben zu halten. (Musik)