Sylvia Massy: unkonventionelle Musikproduktion

Raus aus dem Studio, rein in die Kirche!

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Professionelle, fast schon sterile Aufnahmestudios geben Sylvia Massy nichts. Statt dessen sucht sie sich für ihre Aufnahmen ungewöhnliche Locations aus. Ein Schloss oder ein Gefängnis kommen da gerade recht.
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Transkript

Der Aufenthalt in einem akustisch perfekten, schalldichten Studio kann oft sehr unangenehm sein. Warum sollte man das also auf sich nehmen? Warum sollte man dort Zeit verbringen? Meist ist die Einrichtung sehr steril und normale, bequeme Möbel haben darin häufig keinen Platz. Ich bin lieber in einem Haus mit Sofas, Betten und einer Küche und den entsprechenden Geräuschen. Das alles fließt bei mir dann in den Sound der Platte mit ein. Ich begann also, ungewöhnliche Aufnahmeorte zu nutzen, und kaufte ein Kino im kalifornischen Weed. Das war das Weed Palace Theatre mit 600 Sitzen. Ich baute mein Aufnahmeequipment direkt im Kinosaal auf. Es gab keine Wände und nichts. Die Künstler standen auf der Bühne, gegebenenfalls mit der gesamten Band, und dort spielten sie zusammen - so, als spielten sie vor einem Publikum. Aber es war eben eine Art Geisterpublikum. Jedenfalls war die Performance ganz anders, wenn sie auf einer Bühne spielten, statt in einer perfekt klimatisierten Studioumgebung. Ich dachte mir also, warum in aller Welt sollte ich jemals wieder zurück in ein Studio gehen? Nach dem Kino begann ich also neue Orte für meine Arbeit zu suchen, und ich fand all diese Kirchen, Schlösser und anderen einmaligen Aufnahmeorte. Vor kurzem fanden wir diese Kirche, und die ist einerseits kleiner und damit auch gemütlicher, andererseits aber dennoch ein extrem vielseitiger Raum. Es ist ein bisschen laut dort, aber was soll's? Ich glaube, gerade bei Rockmusik ist das wirklich egal. Und sie ist vielseitig, weil wir überall aufnehmen können: im Vorraum, im WC und auch im Keller. Hier können wir hingehen, wohin wir wollen, und tun, was immer wir möchten. Wir könnten Wände bauen, wenn wir wollten. Oder ich habe hier ein Traversen-System, an dem ich oft einfach Tarps aufhänge, um kleinere Räume oder Bereiche zu erzeugen, das geht also bei Bedarf auch. Ich spiele gerne mit Räumen. In meinem Kino in Weed kam einmal Ross Robinson vorbei, der Produzent von Corn und Limp Biscuit. Er wollte die Band From First to Last aufnehmen und dazu ging er in den "Dungeon" unter der Bühne, in diesen kleinen, beengten, stickigen Raum. Dort quetschte er die ganze Band hinein, es war kaum genug Platz und die Musiker konnten nicht aufrecht stehen. Dann mussten sie ihre super-aggressive Musik in diesem winzigen Raum spielen, und ich glaube, die Tatsache, dass sie so zusammengepfercht waren, kam der Aufnahme wirklich zugute. Das war eine fantastische Platte. Der Sänger der Band From First to Last heißt Sonny Moore, und heute kennen Sie ihn vielleicht als Skrillex. Er hat sich als Künstler also sehr gewandelt, aber - wow - er ist wirklich gut.