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Sylvia Massy: unkonventionelle Musikproduktion

Krimskrams aus der Zauberkiste

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Staunen Sie, was alles in der Spielzeugkiste steckt, die Sylvia Massy zu ihren Aufnahme-Sessions mitbringt!
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Transkript

Ich möchte gerne aus jeder Aufnahmesession ein Abenteuer machen. Dazu habe ich eine riesige Spielzeugkiste, die ich zu den Sessions mitbringe und aus der ich etwas hervorzaubere, wovon ich denke, dass es den Künstler inspirieren könnte, einmal die ausgetretenen Pfade zu verlassen und etwas anderes auszuprobieren. Einige dieser Sachen habe ich hier. Diese beiden Kisten habe ich zum Beispiel von einem Besuch in Los Angeles mitgebracht. Sie stammen aus Indien. Es sind indische Drumcomputer. Das hier ist eine Tabla. Ich lasse sie mal spielen. Klingt etwas hölzern. Und das hier ist im Grunde ein Sitarsound. Und wenn man beide zusammen abspielt, dann entsteht ein schönes kleines Zwischenspiel für einen Song. Vielleicht? Das ist eine witzige Sache. Ich verwende auch gerne verschiedene Gitarrenpedale. Wenn man die zu einer neuen Session mitbringt, dann weiß man nie, was passiert. Der Gitarrenspieler war vielleicht von seinen alten Effekten schon gelangweilt. Von mir bekommt er etwas Neues. Vielleicht wollen sie einen Fuzz-Sound? Hmm, hier haben wir einen Super Fuzz. Der ist fantastisch. Hier ist sogar eine Fuzz Factory. Die stammt von ZVex. Dieser Typ, ZVex, sitzt irgendwo in Minnesota und macht Pedale. Er sitzt in ... irgendwo ganz weit da oben. Und macht dort diese irren Pedale. Er ist eine Art verrücktes Genie. Dieses Probe-Pedal hier stammt auch von ihm. Es funktioniert ganz ähnlich wie ein Theremin. Wenn man seinen Fuß darüber schweben lässt, bekommt das Signal eine Hüllkurve oder eine Art Wah-Wah-Sound. Nur mit dem Fuß, man muss das Pedal dazu gar nicht berühren, um einen Wah zu bekommen, der Fuß schwebt einfach nur drüber und das genügt. Wo wir schon von Theremins sprechen, die machen wirklich Spaß. Das hier ist ein neueres Modell. Bob Moog hat es zu seinen Lebzeiten noch signiert. Es ist ein Moog-Theremin. Und so spielt man darauf. Im Moment funktioniert es nicht, also stecke ich es auch nicht ein. Aber das ist die Lautstärke und das die Tonhöhe. Und so wird es gespielt. Und man sieht auch Leute auf diesen Instrumenten spielen. Das ist toll und ein idealer Zeitvertreib, um einfach mal einen halben Tag lang Spaß zu haben, auch wenn dabei vielleicht nichts Brauchbares herauskommt. Es macht einfach einen Riesenspaß. Ok, was haben wir hier noch? Ich stelle auch gerne ungewöhnliche Dinge mit Mikrofonen an. Für eine dieser Sachen braucht man einen Schlauch. An Ende dieses Schlauchs ist mit Klebeband ein Mikrofon befestigt. Legt man ihn unter ein Schlagzeug, dann kriegt man einen gewaltigen Raumklang für die Drums. Aber ohne die klirrenden Becken. Das kann man also bei Schlagzeugaufnahmen als Effekt verwenden oder als Ersatz für ein Raummikrofon. Das ist wirklich eine spannende Sache. Dieses Ding hier ist ein Stelltransformator. Man kann die Spannung an seiner Ausgangsseite verändern. Da hinten ist eine Buchse dran. Da kann man alle möglichen Geräte einstecken. Ich stecke da den Gitarrenverstärker rein. Dann verändere ich die Versorgungsspannung des Verstärkers. Und wenn man dem Verstärker die Spannung runterdreht, ihm also weniger Energie zur Verfügung stellt, dann muss er richtig hart arbeiten. Das Gitarrenspiel klingt dann also irgendwie voller und kräftiger, gesättigter. Dieses Werkzeug macht viel Spaß. Man kann es aus Lagerbeständen oder neu kaufen. Stelltrafos werden für alle möglichen Zwecke verwendet. Dieser hier gehörte meinem Vater, der ein ziemlicher Elektronikfreak war. Aber den Einsatz in Verbindung mit Gitarrenverstärkern hat mir Ross Hogarth beigebracht, der mit Eddie Van Halen an den Van-Halen-Platten arbeitete. Und er sagte, das Geheimnis des Van-Halen-Sounds sei, den Gitarrenverstärkern mit Stelltrafos den Saft abzudrehen. Ein Geheimnis haben wir also schon gelüftet. Ich habe viel gelernt von den Leuten, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Matt Wallace hat meinen Stil ebenfalls sehr stark geprägt. Er brachte mir bei, Lautsprecher an Snare-Drums zu kleben und diese Lautsprecher dann aufzunehmen - die Snare aufzunehmen und den Sound der aufgenommenen Snare durch diesen Lautsprecher abzuspielen und diese Spur dann wieder in den Mix einzuspeisen. Das ist ein fantastischer Effekt. Er nennt sich "Snare Re-amping". Das habe ich von ihm gelernt. Ich habe viele Techniken von Matt Wallace und anderen Leuten gelernt. Im Buch Recording Unhinged kann man ihre Geschichten und Techniken nachlesen. Und das sind auch viele der Dinge, die ich von ihnen lernen durfte. Aber mal sehen, was wir hier noch haben. Das hier stammt auch von Ross Hogarth und ist ebenfalls im Buch nachzulesen. Ich meine den Einsatz passiver Transformatoren. Devin Powers hat mich erst richtig darauf gebracht, passive Trafos zu verwenden. Das sind einfach nur die Transformatoren aus alten Telefonsystemen. Das ist auch gebrauchte oder neue Lagerware. Wenn Sie davon welche auf eBay finden und sie an den Stereo-Bus hängen, dann bekommt Ihr Mix diesen besonders vollen Metallsound. Das ist wirklich ein ganz besonderer Klang. Und ich arbeite jetzt ständig damit. Ich lasse die ganze Zeit ein Gerät von Western Electric in meinem Mix mitlaufen. Devin Powers hat es mir geschickt. Diesen Trick kennen nicht viele Leute, aber das ist wirklich cool. Es gibt auch einige recht interessante Mikros. Es gibt neue Designs mit alter Technik. Das hier ist ein ganz normaler Telefonhörer von einem alten Telefon. Er stammt sogar noch von einem Wählscheibentelefon. Die kann man auch heute noch im Gebrauchtwarenladen finden. Diese Modifikation hier hat mir mein Vater beigebracht. Wenn man das Mundstück aufschraubt, dann kommt dieses kleine knopfförmige Gebilde zum Vorschein. Das ist ein Kohlemikrofon. Man entfernt einfach die ganzen Kabel und schließt stattdessen so ein Mikrofonkabel an. Einfach ein normales Mikrofonkabel. Das schließt man an den Sockel der Mikrofonkapsel an. Eine Sache muss man dabei aber beachten. Zur Spannungsversorgung - das Mikro braucht eine Spannungsversorgung - muss man auf einer Seite eine kleine Batterie anschließen. Und das habe ich hier gemacht. Ich habe sie im Ohrhörer untergebracht, da ist genug Platz. Es ist eine 1,5V-Mignonzelle, ich habe sie direkt eingelötet. Sie dient zur Stromversorgung und hebt das Mikro auf Line-Pegel. Sie können es einfach einstecken und verwenden. Das ist super für spezielle Vocal-Effekte. Es klingt eben wie ein Telefon. Hallo, ich möchte gerne eine Pizza bestellen. Genau. Das macht echt Spaß. Und hier ist noch ein extrem wichtiges Werkzeug. Ein Spielzeugklavier. Immer wenn ich mit Pro Tools arbeite, habe ich ein Spielzeugklavier bei mir. Wenn ich einen Sänger korrigieren muss und herausfinden möchte, welche Melodie er zu singen versucht, dann hilft mir dieses kleine analoge Klavier dabei. Damit finde ich heraus, welche Töne ich in Autotune oder Melodyne oder sonstwo eingeben muss, wenn ich eine Melodie herausfinden muss. Ich habe also wirklich immer ein Spielzeugklavier im Studio. Und was noch? Oh, Lautsprecher sind auch tolle Mikrofone. Der hier stammt direkt aus einem Autokino der 1950er-Jahre. Damals fuhr man ins Autokino, dort war die große Leinwand, man saß im Auto. Dann zog man das hier zu sich ins Auto und hängte es ans Fenster. Da kam dann der Filmton raus. Wenn Sie so etwas finden, das ist ein tolles Mikrofon. Das kann man vor die Bassdrum stellen oder vor den Gitarrenverstärker. Auch hier muss man natürlich ein bisschen was umbauen, hier kommt ein 6,3-mm-Klinkenkabel ran. Und dann nehmen Sie eine Direct Box und fertig, es verhält sich dann genau wie ein Mikrofon, ein sehr großes Mikrofon. Wir nutzen die Teile ständig für Schlagzeugaufnahmen. Das hier ist ein selbst gebautes Gerät. Man nimmt einen alten Lautsprecher, der quasi rückwärts angeschlossen und damit als Mikrofon verwendet wird. Das kommt direkt vor die Kickdrum und klingt dann wie ein Roland-808-Kick, eine besonders dumpfe Kickdrum. Na ja, das gehört eben zu den Sachen, die wir im Studio gerne mal machen. Bei unseren Aufnahmen versuche ich, als Produzentin etwas Spielraum im Zeitbudget einzuplanen, damit wir etwas herumspielen und auch mal ein paar Fehler machen können. Man weiß ja nie, was dabei herauskommt.