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Sylvia Massy: unkonventionelle Musikproduktion

"Hier habt ihr die Leinwand, malen müsst ihr selbst!"

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Die Musikproduzentin war früher Tontechnikerin und liebt technische Spielereien, um diese den Künstlern zur Verfügung zu stellen. Sie baut Kartoffelfilter oder nimmt Küchengeräte mit dem Mikro auf.
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Transkript

Die Leute wählen mich als Produzentin, weil ich ihnen helfe, ihre Vision umzusetzen. ♫ I'll be holding to my captains ♫ and my swords in the bargain, yeah. Dabei setze ich mein ganzes Tontechnikwissen ein. Ich liebe nämlich Equipment und technische Spielereien. Es ist ihre Vision, aber ich stelle die Farben und die Leinwand zur Verfügung. Ich sage: "Hier, nimm für diesen Teil diesen Pinsel." Aber malen müssen sie das Bild selber. Es ist ihr Werk und ihr Lied, ihre Musik und ihre Ideen. (Musik) ♫ Their voices shine like rhinestones ♫ and blind us to sleep at night. Ich komme aus der Tontechnik, also lernte ich zuerst die ganze Ausrüstung kennen und sah dann den Produzenten bei der Arbeit zu. Und ich bildete mir dazu meine eigene Meinung. Als meine ersten Kunden kamen, war ich also schon bereit, die Rolle der Produzentin zu übernehmen. Oft war ich im Studio sowohl Tontechnikerin als auch Produzentin. Mir fällt es einfach leichter, den Sound zu erzeugen, den ich in meinen Ohren habe. Diesen Sound kann ich mit meinen unterschiedlichen Studiowerkzeugen erzeugen. Ich mische meine Aufnahmen auch selbst ab und bringe sie in ihre endgültige Form. Dann sind sie quasi fertig und jeder kann sie sich anhören. (Musik) Mein erster Studiojob war in San Francisco. Ich habe dort praktisch umsonst gearbeitet. Mir wurde klar, dass ich für eine echte Karriere als Produzentin nach Los Angeles gehen musste. Ich durfte dafür nicht in San Francisco bleiben. Also zog ich nach L.A. und bekam einen Job bei Tower Records. Damals wollte mir noch niemand einen Studiojob geben. Bei Tower Records traf ich auf die Bandmitglieder von Green Jello. Einige von ihnen spielten außerdem auch noch in der Band Tool. Mit den Aufnahmen der Green-Jello-Platte wurde es sehr einfach, zugleich auch Tool aufzunehmen. So kamen wir also zusammen und nahmen das erste Tool-Album auf. Dann gab es einen großen Knall und eines führte zum anderen und heute stehen wir hier. Das gefällt mir. - ♫ Little piggy went to the market, ♫ another piggy stayed home. Noch mal. - ♫ Another piggy had roast beef, ♫ another piggy had none. (Musik) Bei der Tool-Platte hatte ich einen meiner ersten lustigen kreativen Einfälle. Ich wollte mir das lauteste Geräusch der Welt vorstellen. Hm, probieren wir doch, einen Kran und ein paar Klaviere aufzutreiben und die dann runterzuwerfen. Das nehmen wir auf und sehen, wie es klingt. Leider wollte mich keine Firma bei dieser Idee unterstützen. Aber die beiden Klaviere kaufte ich trotzdem. Sie kosteten nur je 50 Dollar. Wir brachten sie ins Studio und installierten Mikros. Der Schlagzeuger Danny Carey hatte eine Schrotflinte, die luden wir und schossen damit auf das Klavier. Diesen Sound des beschossenen Klaviers nahmen wir auf. Das klang ziemlich dramatisch. Ein lauter, grollender Klang. Dann hatten wir noch einige Vorschlaghämmer und Spitzhacken gekauft. Jeder erhielt von mir Schutzkleidung, Handschuhe und eine Brille. Dann sagte ich: "Okay, wir haben hier Mikros aufgebaut. Zerstören wir jetzt die Klaviere." Wir zerlegten die Klaviere also komplett und nahmen dabei alles auf. Daraus entstand der Song Disgustipated auf dem Album Undertow. Selbst wenn das nichts geworden wäre und wir keine der Aufnahmen hätten gebrauchen können, diese Studiosession würde uns immer in Erinnerung bleiben. Warum sollte nicht jede Session so sein? Wann immer es möglich ist, baue ich deshalb etwas Unvergessliches in jede Session ein. Dazu habe ich eine riesige Spielzeugkiste, die ich mitbringe und aus der ich etwas hervorzaubere, von dem ich denke, dass es den Künstler inspirieren könnte, einmal die ausgetretenen Pfade zu verlassen und etwas anderes auszuprobieren. Einige dieser Sachen habe ich hier. Hier zum Beispiel, ein alter Lautsprecher, der quasi rückwärts angeschlossen und damit als Mikrofon verwendet wird. Das kommt direkt vor die Kickdrum und klingt dann wie ein Roland-808-Kick, eine besonders dumpfe Kickdrum. An Ende dieses Schlauchs ist mit Klebeband ein Mikrofon befestigt. Legt man ihn unter ein Schlagzeug, dann kriegt man einen gewaltigen Raumklang für die Drums, aber ohne die schrillen Beckenklänge. Das kann man also bei Schlagzeugaufnahmen als Effekt oder als Ersatz für ein Raummikrofon verwenden. Das ist wirklich eine spannende Sache. Manchmal gibt es einfach Momente der Inspiration. Einmal dachte ich mir: "Hmm, man kann doch mit der Energie einer Kartoffel eine kleine Uhr betreiben, oder?" Ich dachte mir, dann müsste es doch auch möglich sein, eine Kartoffel als Audiofilter zu verwenden. Also machten wir eine neue Erfindung. Den Kartoffelfilter. Wie der klingt? Naja, ganz gut, glaube ich. Das Ding zu bauen, hat mehr Spaß gemacht als es bei den Aufnahmen zu verwenden, aber genau darum geht es ja vielleicht. Es geht um die Inspiration. OK, stell dir das mal kurz vor: Den hier ziehst du aus dem Verstärker raus. Okay, den Lautsprecher rausziehen? - Das ist der Lautsprecherausgang eines Verstärkers. Okay. - Und da steckst du dann verschiedene Küchengeräte ein. Jetzt lachst du! Und dann nimmst du das Küchengerät auf, mit einem Mikro, okay? Ich habe das schon mal gemacht und mit dem richtigen Verstärker und dem richtigen Akkord läuft das Küchengerät an. - Hey. - Das ist ein unglaublich abgefahrener und wundervoller Klang, der wahrscheinlich überhaupt nicht zu dieser Musik hier passt, aber was soll's? - Nein, einfach nur ... yeah. - Verstehst du? Viele Leute machen sehr ungewöhnliche Sachen, von denen man nicht sehr viel mitbekommt. Die stehen in keinem Lehrbuch. Also habe ich ein Buch namens Recording Unhinged geschrieben, das von unkonventionellen Aufnahmetechniken handelt. Außer meinen eigenen Geschichten haben noch etwa 35 Leute ihre kleinen Geheimnisse und Techniken beigesteuert. Und ich habe kleine Diagramme gezeichnet, wie die Sachen funktionieren, und es gibt darin auch noch andere Illustrationen. (Musik) Als ich die Gelegenheit hatte, dieses Buch zu schreiben, verwendete ich darauf viel Sorgfalt und Zeit. Ich sehe es auch als eine Art von Vermächtnis. Und mir fiel auf, dass ich eine Menge weiterzugeben hatte, also begann ich auch, Vorträge zu halten und Workshops zu geben. Ich nehme dabei ein Projekt auf und wir veranstalten einfach die schrägsten Sachen, die man sich vorstellen kann, weil ich den Teilnehmern dieser Workshops einfach zeigen möchte, wie weit sie gehen können. Los geht's, habt keine Angst und lasst uns bis zum Äußersten gehen. Außerdem kriege ich bei der Gelegenheit meist auch ein oder zwei neue Aufträge. Wenn ich ein Album aufnehmen möchte, ja - wieso nicht? Wir suchen nach den besten und ungewöhnlichsten Aufnahmeorten. Im norwegischen Bergen gab es ein U-Boot und so hatten wir die Chance, Bassaufnahmen in einem U-Boot zu machen. Das war super. Ich hoffe, in Zukunft noch viel mehr solcher Aufnahmen zu machen. Ich denke, der Raum für die Aufnahme spielt für den kreativen Produzenten eine sehr wichtige Rolle, weil der Aufenthalt in einem akustisch perfekten, schalldichten Studio oftmals sehr unangenehm ist, warum sollte man das also auf sich nehmen? Warum sollte man Zeit darin verbringen? Ich arbeite deshalb gerne in Studios mit sehr wenig Wänden. Ich mag große, offene Räume und sitze gerne im selben Raum wie die Künstler. Wir kommunizieren direkt, nicht durch Kopfhörer oder eine Glasscheibe. Ich finde, die Abläufe sind dann natürlicher und direkter. Zweimal. - Immer eine Wiederholung bei der whoo-whoo-Hookline? - Ja. - Ja. - Und dann... - Ich nutze gerne analoge Aufnahmetechnik, für die Mikrofone habe ich ein Neve-8038-Mischpult und erst von dort aus geht es weiter in ProTools. Im Computer verändere ich den Sound mit Plug-ins und Plug-ins sind heute sehr wichtig. Um meine Aufnahme fertigzustellen, arbeite ich mit einer Kombination aus externen Analoggeräten im Rack und Plug-ins. Es ist sehr wichtig, mit der Technik Schritt zu halten und immer die neuesten Arbeitstechniken und digitalen Plug-ins im Griff zu haben. Ich muss jeden Tag neu dazulernen, um dabei zu bleiben. Es gefällt mir, dass ich im Computer besser mischen kann, aber einige Sachen, die ich gerne verwende, fehlen mir dabei auch. Deshalb entwickle ich zusammen mit der Firma Waves ein paar neue Plug-ins, um sowohl bei meinen Aufnahmen als auch bei denen anderer Leute eine neue Richtung und meinen eigenen Stil einzubringen. Ich glaube, viele Leute sind heutzutage etwas faul, weil die meisten Instrumente, die sie verwenden könnten, in ProTools oder Logic problemlos verfügbar sind. Aber für mich soll der Künstler wirklich nach draußen gehen und die Musik spüren, auch wenn die Aufnahme vielleicht nicht so gut wird, wie die von jemand anderem mit einem virtuellen Instrument. Trotzdem ist es die Zeit wert, rauszugehen und eigene Sounds zu spielen und aufzunehmen. Ich würde gerne sehen, dass mehr Künstlerinnen ihre eigene Musik schreiben und produzieren. Da gibt es im Moment einige wenige ganz fantastische Künstlerinnen. Eine von ihnen ist Lady Gaga und die andere ist Taylor Swift. So etwas würde ich gerne öfter sehen. Viele Künstlerinnen verwenden Material von anderen Leuten, aber ich weiß, dass es in ihnen steckt, ihre eigenen Sachen zu schreiben, ihre eigene Musik, und das würde ich gerne sehen. - Host ist immer noch auf 17. -M-hmm, und die Raummikros sind auf 13 und 14. - Gut. Kannst du ... - Super, kannst du noch mal spielen, bitte? - Ja. - Noch mal dasselbe mit ein paar Tom-Fills. Super, danke. Ich habe mich als Frau in dieser von Männern dominierten Branche niemals wirklich diskriminiert gefühlt. Ich denke, für jeden ist es schwierig, einen Fuß in die Tür zu bekommen und erfolgreich in diesem Business zu sein, egal, ob Mann oder Frau. Man sitzt 16 Stunden pro Tag im Studio und muss wirklich das komplette Leben danach ausrichten, aber Produktion ist meine Leidenschaft. Inspiration kommt aus der Musik und von den Künstlern und aus den Gefühlen, die sie mit ihrer Musik vermitteln wollen. Da möchte ich ganz dabei sein und ihnen helfen, etwas Außergewöhnliches zu schaffen. Wann immer sich während der letzten drei Jahre die Möglichkeit bot, ließ ich in meinen Sessions eine Staffelei aufstellen. Ich male dann, während ein Tontechniker die Regler bedient. Dabei kanalisiere ich auch die Musik, denn je nachdem, welche Musik in der Session entsteht, werden auch die Bilder jedes Mal komplett anders. Ich glaube, die Malerei macht mich zu einer besseren Produzentin. Plötzlich entsteht überall viel mehr Kreativität und ich glaube, ich inspiriere auch die anderen im Raum zu mehr Kreativität, für die Sessions ist es also ein echter Gewinn, wenn ich dabei male. Als Produzentin versuche ich, etwas Puffer im Zeitbudget einzuplanen, damit wir etwas herumspielen und auch mal ein paar Fehler machen können. Man weiß ja nie, was dabei herauskommt. Ich glaube, jeder, der in der Tonbranche arbeitet oder Produzent werden möchte, sollte mehr experimentieren. Der kreative Umgang mit Ton ist für mich Dasselbe, wie einen realen Pinsel vor einer Leinwand in der Hand zu halten. Es ist wirklich ein tolles künstlerisches Werkzeug. (Musik)