Sylvia Massy: unkonventionelle Musikproduktion

Die Bohrmaschine im Verstärker

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Oft sind es ganz banale Eindrücke des alltäglichen Lebens, die "den Schalter umlegen" und genau das Quantum Inspiration bringen, das Künstler oder Produzent so schätzen.
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Transkript

Manchmal ist da einfach ein Moment der Inspiration, zum Beispiel wenn ich mit jemandem telefoniere und mir dabei eine Verzögerung auffällt. Wenn ich spreche und wenn sie zurücksprechen, dann gibt es über den Lautsprecher eine große Verzögerung. In einer der letzten Sessions dachte ich: Warum sollte ich diese Verzögerung nicht als Gesangseffekt verwenden? Probieren wir es doch einfach mal aus. Also benutzten wir zwei Handys, iPhones, und riefen uns gegenseitig an. Eines der Telefone war laut gestellt, das nahmen wir auf. Der Sänger der Band sang in das andere Telefon und es gab eine starke Verzögerung. Ah, und wenn man es neben den Lautsprecher legt, gibt es eine Rückkopplung, die sich ziemlich gut steuern lässt. Man weiß also nie, wann die Inspiration kommt. Ich mache mir da eine gedankliche Liste und probiere manche Sachen dann vielleicht später aus. Einmal erzählte mir auch jemand etwas oder schlug mir vor, oh, das war Ed Cherney, er erzählte, wie man eine Bohrmaschine in den Ausgang eines Gitarrenverstärkers stecken konnte, und dass dann die Bohrmaschine anspringt, sobald der Gitarrist zu spielen beginnt. Das erschien mir total verrückt. Ich wollte es natürlich ausprobieren und bei meiner letzten Session machten wir das dann wirklich. Und ich glaube, morgen könnten wir das auch gleich wieder machen, weil, ich meine, haben Sie jemals ein Gitarrensolo durch eine Bohrmaschine gespielt? Das ist schon ziemlich ungewöhnlich. Ich probiere also, mit allem Spaß zu haben, mit allen möglichen Dingen. Wir, äh, ich hatte eine Idee. Es war eine ziemlich irre Idee. Einmal dachte ich mir: "Hmm, man kann doch mit der Energie einer Kartoffel eine kleine Uhr betreiben, oder?" Haben Sie schon von der Kartoffeluhr gehört? Ich dachte mir, dann müsste es doch auch möglich sein, eine Kartoffel als Klangfilter zu verwenden. Okay, wir haben also zwei Kartoffeln genommen, ein Lautsprecherkabel durchgeschnitten und auseinandergezogen. Dann haben wir die Enden des Lautsprecherkabels durch diese Kartoffeln gesteckt. Dann haben wir das Lautsprecherkabel mit den Kartoffeln an den Gitarrenverstärker gehängt und an einen Lausprecher angeschlossen. Und schon hatten wir den Kartoffelfilter eingeschleift. Und funktioniert der auch? Na ja, es hat nicht auf Anhieb geklappt. Aber das lag daran, dass wir einen Röhrenverstärker verwendeten. Wir fanden dann heraus, dass es mit einem Transistorverstärker sehr gut funktionierte. Wir machten also eine neue Erfindung, den Kartoffelfilter. Wie der klingt? Naja, ganz gut, glaube ich. Das Ding zu bauen, hat mehr Spaß gemacht, als es bei den Aufnahmen zu verwenden, aber genau darum geht es ja vielleicht. Es geht um die Inspiration.