OpenOffice.org: Interview mit Thomas Mitzkavideo2brain: Zur Zukunft von OpenOffice.org: Geht OpenOffice.org seinen eigenen Weg oder versucht es sich an den Entwicklungen von Microsoft Office zu orientieren? Thomas Mitzka: OpenOffice.org wird seinen eigenen Weg gehen, erst einmal. Microsoft Office hat mit der Version 2007 sein Nutzer-Interface radikal geändert, das wird es bei OOo (Anmerkung der Redaktion: OpenOffice.org) in naher Zukunft nicht geben. Sollten die Kunden es aber auf Dauer wünschen, dann wird man auch hier diesem Wunsch Rechnung tragen. Es wird aber immer eine gewisse Nähe zu MSO geben, allein daraus begründet, dass OOo an sich selbst den Anspruch stellt, alle MS-Dokumente fehlerfrei einzulesen und wieder schreiben zu können. Hieran wird permanent gearbeitet.
video2brain: Wie finanzieren sich OpenSource-Entwicklungen? Thomas Mitzka: Das hängt immer vom Projekt ab. Viele Open-Source Projekte leben von dem Engagement der Beteiligten, werden die Produkte größer und setzen mehr Menschen sie ein, kommen vielleicht Spenden hinzu. Im Fall von OOo ist es die Firma Sun Microssystems, die als Großsponsor fungiert, in dem sie Personal, Resourcen und Geld bereitstellen. Es ist immer eine Frage des Geschäftmodels, so finanziert sich MYSQL auch nicht primär über den Verkauf der Datenbank, sondern größtenteils über die Beratung, Schulung und den Support der Kunden.
video2brain: Wie stark ist der deutschsprachige Anteil an der Entwicklung? Thomas Mitzka: Der Anteil an der Entwicklung von OpenOffice.org ist etwas anders verteilt, als bei den meisten Open-Source Projekten. Die Firma Sun Microsystems entwickelt ja das StarOffice, aus dem das OpenOffice.org hervorgegangen ist (nicht umgekehrt wie oft behauptet). Heute werden hier in Hamburg, der Sitz der StarOffice-Entwicklung, etwa 90% des Office-Pakets entwickelt. Die übrigen 10% verteilen sich auf weitere Firmen und die Community. Somit ist der deutsche Beitrag mindestens 90%. Der deutschsprachige Raum ist aber auch das "Kernland" was die Nutzung und die Entwicklung von OpenOffice.org betrifft. video2brain: Wie demokratisch verlaufen die Entscheidungen über die Weiterentwicklung? Im konkreten Beispiel OpenOffice.org: Wer entscheidet hier? Thomas Mitzka: Freie Mitarbeiter, also die OOo-Community beteiligt sich an der Weiterentwicklung von OOo. Es ist so, dass jede Teilkomponente wie z.B. die Textverarbeitung einen Projektleiter hat. Alle Projektleiter werden von Sun Microsystems finanziert - sind bei Sun angestellt. Ihre Aufgabe ist es, die Entwicklung mit der Community abzustimmen und zu lenken. Die finale Entscheidung liegt aber immer noch auf der Ebene der Leitung, also bei Sun. Es wird hier nicht diktatorisch entschieden, sondern in einer offenen Diskussion über Sinn, Nutzen und Aufwand gesprochen und dann entschieden. Viele Eigenschaften und Funktionen sind über die Community aber auch über Kunden an die Entwickler bei Sun herangetragen worden und haben so Einzug in die Software gehalten.
video2brain: Wie sehen Sie die Zukunft von OpenSource? Ist es denkbar, dass diese einmal die käuflichen Produkte überholen bzw. in den Schatten stellen? Wenn nein, warum kann es zu dieser Entwicklung nicht kommen? Wenn ja, was wird die treibende Kraft dahinter sein? Thomas Mitzka: OOo ist auf alle Fälle eine treibende Kraft auf dem Markt der Office-Programme. Heute ist es die Nr.2 weltweit hinter MS und auf dem Betriebssystem Linux unangefochten die Nr.1. Es hat also in bestimmten Bereichen bereits kostenpflichtige Produkte "überholt". Es wird aber immer kostenpflichtige Office-Software geben. Der große Bruder des OOo, das StarOffice ist auch kostenpflichtig, wenn auch sehr günstig im Vergleich zu MSO. Große Firmen sichern sich die Nachhaltigkeit der Produktentwicklung über die Lizenzkosten. Es ist für eine Firma mit mehreren 1000 Arbeitsplätzen ein nicht unerheblicher Aufwand auf OOo umzusteigen. Es lohnt sich am Ende zwar immer, finanziell wie technologisch, aber primär stehen Kosten in den Büchern. Würde jetzt die Entwicklung der Software, warum auch immer, eines Tages nicht mehr weitergehen, müssten die Firmen erneut umsteigen und wer weiß welches Produkt sie dann nutzen müssen. Somit weiß ein Unternehmen, dass durch die Lizenzgelder die Entwickler bezahlt werden. Außerdem ist OOo so komplex, dass es eines unglaublichen Know-hows bedarf, diesen Quellcode zu 100% über eine Community nachhaltig zu pflegen.
Als Sun Certified Instructor und Geschäftsführer des Schulungsunternehmens »BOS-it« weiß Thomas Mitzka, wie Ihr Einstieg in die OpenOffice.org-Familie zum vollen Erfolg wird.
Er ist Autor der Video-Trainings "OpenOffice.org - Writer, Calc, Impress, Draw" |
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