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Christoph Grüder über Gestaltung, Typografie und Layout

video2brain: Wie lange hältst du dich an die Gestaltungsgesetzte bzw. gibt es Momente im Erstellungsprozess, wo du intuitiv und fernab von Gesetzen arbeitest?

 

Christoph Grüder: Je häufiger ich Gestaltungsaufgaben derselben Art bearbeite, desto weniger mache ich mir über die Werkzeuge und Gestaltgesetze Gedanken, da ich sie zuvor ausprobiert habe und nun intuitiv anwenden kann. Sobald ein erster Entwurfsprozess abgeschlossen ist, wird der Entwurf im Team kritisiert und es entstehen neue Ansätze für eine Verbesserung. Diesen Prozess der Ideenfindung und Kritik kann man je nach Umfang eines Designjobs mehrfach wiederholen.

 

Fernab von Gestaltungsregeln kann eigentlich niemand arbeiten, dennoch gilt es, diese Gesetze sinn- und maßvoll anzuwenden, um eine gestalterische Aussage über den Designentwurf zu formulieren. Häufig kommt es dabei auch dazu, eine Regel zu missachten, um aus festgefahrenen Sehgewohnheiten auszubrechen.


video2brain: Thema „Typografie“: Es gibt eine schier unendlich scheinende Zahl von Schrifttypen. Davon werden aber die wenigsten genutzt. Warum?

 

Christoph Grüder: Diese Wahrnehmung ist zu einseitig. In der Tat werden täglich mehrere tausend Fonts weltweit angewendet. Darunter gibt es jedoch Fonts, die sich als besonders robust gegenüber der Gestaltung herausgestellt haben oder die im Corporate Design vorgegeben sind. Durchsetzen können sich unaufdringliche Typen, die ein klares Schriftbild und einen guten Leserhythmus bieten. Jede Zeit hat ihre Typografie, nicht umsonst kamen in den letzten Jahrzehnten die Futura, Helvetica, Frutiger, Meta oder Thesis zum Einsatz. Die Rationalität der Arbeit steht heutzutage nun einmal im Vordergrund. Alternativ dazu kommen zeitlose Serifen-Antiqua zum Einsatz.

 

Neuerdings gibt es wieder einen Trend zu Serifen-betonten Linear-Antiqua, die in modernen Zeitungen eingesetzt wird. Doch häufig wird erst gar nicht an eine moderne Satzschrift gedacht und es wird genommen, was auf jedem Computer vorhanden ist: Times, Arial oder Helvetica – leider.

 

video2brain: Gibt es auch im Layout so etwas wie Modeerscheinungen? Wenn ja, welche herrscht derzeit und welche Charakteristika weisen die heutigen Layouts auf?

 

Christoph Grüder: Nach einer langen Phase besonders experimenteller Layouts der 90er Jahre hat sich bis heute kein einzelner Trend durchgesetzt. Wir betrachten heute verschiedene Anmutungen, die man sehr grob in Musikstile unterteilen könnte. Da gibt es die Klassik mit ästhetischen kontrastreichen Formen. Techno, Jungle oder Drum'n'Bass sehen wir in flippigen synthetisch anmutenden Formen und Texturen, HipHop kommt in gebrochenen Typen daher. Leider zu konventionelle Layouts gibt es derzeit von dem besten der 70er, 80er und 90er Jahre. Hier und da wagen sich mutige Gestalterinnen und Gestalter wie die Musikrichtungen Jazz oder Minimal in neue Bereiche vor.

Das einzig verbindende, das sich in den letzten Jahren durchgesetzt hat, ist die technische Perfektion von Bild, Farbe und Typografie. Nehmen Sie sich einmal ein Magazin aus den 70er Jahren vor. Der damals erzeugte Blocksatz ist so unleserlich und sperrig, dass ich mich angesichts der heutigen nahezu automatisch ausgeglichenen Textzeilen frage, wer noch allen Ernstes alten Satztechniken nachtrauert – auch wenn der Bleisatz sicherlich im künstlerischen Bereich seine Berechtigung hat.

Christoph Grüder, diplomierter Grafikdesigner, lebt und arbeitet in Braunschweig. Seine Kernthemen sind User Inferface Design, HMI-Entwicklung, Typografie und Schulung.

 

Er ist Autor der Video-Trainings "Layout für Print & Web".

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